Ödenturm aus Kupfer

 

turmmodell oedenturm 3

siehe auch „Geislinger Zeitung“ vom 16.7.2016

Ein Meisterwerk eines Geislinger Kupferschmieds

Am 21. Oktober 1930 erschien in der „Geislinger Zeitung“ die folgende kurze Notiz:

„Geislingen, 21. Okt. (Ein 85jähriger.) Am heutigen Tage darf einer unserer ältesten Mitbürger, Kupferschmied-Altmeister Adolf Keidel, im Kreise seiner Familie seinen 85. Geburtstag begehen. Herr Keidel erfreut sich immer guter Gesundheit und ist trotz seines hohen Alters noch in seiner Werkstatt tätig. Gerade zu seinem Geburtstag hat er eine Miniaturausgabe des Oedenturms in Kupfer-Treibarbeit fertiggestellt, welche Zeugnis ablegt von seiner Tüchtigkeit in seinem Handwerk.“

Es ist ein großer Glücksfall, dass dieses Modell des Ödenturms nach nunmehr 86 Jahren noch existiert. Es hat nicht nur die Metallsammlungen im Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden, sondern wurde in der Familie Adolf Keidels bis heute aufbewahrt, zuletzt in der Wohnung seiner Enkelin. Nun wurde es von seinen beiden Enkeln der Ortsgruppe Geislingen des Schwäbischen Albvereins überreicht, die bekanntlich den Ödenturmdienst organisiert. Durch diese großzügige Spende kann dieses einmalige Stück in der Turmstube des Ödenturms einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Besucher können dieses Unikat ab nächsten Sonntag zu den üblichen Öffnungszeiten von 10 bis 17 Uhr bewundern.

Adolf Keidel stammte aus einer alten Geislinger Familie, in der der Beruf des Kupferschmieds bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgt werden kann. Kupferschmied war gerade in einer Stadt mit vielen Brauereien wie Geislingen ein bedeutender Handwerksberuf, denn an den Brauanlagen, die weitgehend aus Kupfer hergestellt waren, gab es immer viel zu erneuern und zu reparieren. Auch bei Brauereien in der näheren Umgebung arbeitete Adolf Keidel, und sicher wurde von ihm auch die eine oder andere Brennerei gefertigt. Heute ist der Beruf des Kupferschmieds im Berufsbild des „Behälter- und Apparatebauers“ aufgegangen.

Adolf Keidel arbeitete selbständig in seiner Werkstatt in der Hauptstraße 74/76. Das Gebäude ist heute ein reines Wohnhaus, man kann die alte Werkstatt aber heute noch deutlich erkennen, wenn man um das Haus herumgeht. Der Kupferschmied war bis ins hohe Alter nicht nur rüstig, sondern auch tätig. Gerade im Alter zeigte sich, was an Handwerkskunst in ihm steckte, wie man am unserer Skulptur sehen kann. Er starb erst mit neunzig Jahren an Silvester des Jahres 1935 an einer Lungenentzündung. An ihn erinnert nicht nur das Ödenturmmodell, sondern womöglich noch eine Plastik, die den Kopf eines Elefanten darstellt. Sein Enkel berichtet, dass dieses Kunstwerk einst für einen Privatmann geschaffen wurde, der es in seinem Haus aufhängen wollte. Wenn dieses Werk noch existiert, wäre es für Geislinger aber nicht so leicht zugänglich, es soll sich nämlich auf der Insel Sylt befinden.